"Jeder soll von seiner Arbeit leben können"


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Präses Dr. Oelschläger spricht sich für gesetzlichen Mindestlohn aus – Spannende Thematik beim Oberneiser Forum behandelt

 

Der Präses der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, Dr. Ulrich Oelschläger, referierte beim 19. Oberneiser Forum. Seine Kernaussage lautet: "Jeder soll von seiner Arbeit leben können."

 

Mit rund 50 Personen war der Besuch beim 19. Oberneiser Forum im evangelischen Gemeindehaus genauso hoch wie bei all seinen Vorgängerveranstaltungen. Mit dem Thema "Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und der Mindestlohn" war eine brandaktuelle Materie ausgewählt worden.

 

Zunächst sei es ihm ein Rätsel gewesen, warum gerade er eingeladen worden sei, meinte Dr. Oelschläger. Er, der für alles Mögliche Fachmann sein könne und Antworten fände, aber kaum in Fragen der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Aber er habe erkannt, dass es sich bei diesem Thema vorrangig um eine ethische Frage drehe und deshalb auch von kirchlichen Vertretern erwartet werde, dass sie helfend Stellung beziehen.

"Jeder soll von seiner Arbeit leben können! Selbstverständlich? Offenbar nicht so ganz. Heißt das nicht, jeder soll das verdienen, was er zum Leben braucht? Bedeutet das nicht automatisch: Eine bestimmte Grenze darf nicht unterschritten werden? Gesetzlicher Mindestlohn also?" Argumente für und gegen einen solchen seien ihm aus den Medien bekannt, ökonomisch dagegen zu argumentieren, wollte er dennoch gern anderen überlassen.

 

Konsum

 

Globalisierung bringe große Vorteile: Die Welt sei kleiner geworden, große Entfernungen seien schnell überbrückt, man könne günstig in andere Länder reisen, es seien Konsummöglichkeiten eröffnet worden, die vor 50 Jahren noch Kopfschütteln verursacht hätten, nicht nur bei Reisen, auch bei der Versorgung mit elektrischen und elektronischen Geräten, bei Funk und Fernsehen, Computern und exklusiven Nahrungsmitteln und mit Motorrädern und Autos. Der Anreiz, etwas haben zu wollen, sei gewachsen.

Dennoch fühlten sich viele ausgegrenzt, abgeschnitten von einer Entwicklung, an der teilzuhaben auch Teilhabe am Volkseinkommen voraussetze. "Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich jedoch in unserer Gesellschaft immer mehr", so Oelschläger. Er wolle keine Neiddebatte führen, aber er fragte, ob man es wirklich mit Sozialneid abtun könne, wenn der, der wenig hat, ein bisschen von dem haben möchte, was der andere kaum noch konsumieren könne?

Mit einem Blick auf Lohndumping, Gobalisierung, Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt, auf Baukolonnen aus dem Osten, die den Lohn im Westen drückten, Verlagerung von Produktionsstätten zur Gewinnoptimierung nach Fernost oder Auftragsvergabe an Subunternehmer, sprach Oelschläger von Ausbeutung der Arbeiter. Viele Arbeitgeber zeigten keine soziale Verantwortung, ließen soziale Marktwirtschaft zu Marktwirtschaft verkommen. Leistung müsse sich aber lohnen. Der, der arbeite, solle mehr haben als der, der es nicht tut.

 

Menschenwürdig

 

"Das kann aber nur heißen: Gebt dem Arbeitenden so viel, dass er ein menschenwürdiges Leben führen kann. Dass er mehr haben soll als der Hartz IV-Empfänger, kann nicht heißen, dass dieser weniger bekommt, sondern der Arbeitende mehr, dass er dafür auch Ansprüche befriedigen kann", so der Präses, der anschließend die Frage stellte: "Steht denn in der Bibel auch etwas über den gerechten Lohn?"

Nach Meinung von Oelschläger im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt, 20,1-16). Natürlich könne man es als ungerecht empfinden, wenn der, der zwölf Stunden arbeitet, genauso viel bekommt wie der, der sich nur eine halbe Stunde abmühen muss. Das sei mit dem Gedanken der Leistungsgerechtigkeit sicher nicht vereinbar, der gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordere. Aber welche Wertmaßstäbe seien denn sonst anwendbar? Zur Zeit Jesu lebten die meisten Menschen einfach. Hauptnahrungsmittel waren Brot, Obst, Gemüse, seltener Fisch, Eier Milch oder Fleisch. Für den üblichen Tageslohn von einem römischen Denar – wie im erzählten Gleichnis – konnte sich der Tagelöhner zwölf Brote kaufen, also mehr als er für den Tag brauchte, konnte sich mithin darüber hinaus versorgen, um menschenwürdig zu leben. Verengt gelesen zeige das Gleichnis die Definition eines Lohnsystems in dem auch dem Schwächsten nicht das vorenthalten würde, was er zum Leben brauche, also ein gesetzlicher Mindestlohn. Eine Lohnuntergrenze ist vereinbart.

 

Menschenwürdig

 

Oelschläger betonte: "Zu einem menschenwürdigen Leben gehört, dass ein Mensch die Möglichkeit hat, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen." Er schloss sein Referat mit der Feststellung: "So lange die Frage, ob ich mir in einer rheinhessischen Kneipe einen zweiten Wein bestelle, eine Frage der Angst um den Führerschein und nicht eine Frage des Geldbeutels ist, bin ich zufrieden. Damit ein ähnliches Lebensgefühl weiteste Verbreitung findet, brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn."

 

Foto: Wieder ein interessantes Thema beim Oberneiser Forum. Diesmal referierte der Präses der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, Dr. Ulrich Oelschläger (links), über Mindestlohn und Lohnuntergrenze. Rechts daneben der SPD-Landtagsabgeordnete Frank Puchtler. Foto: Kahl

 

Quelle: Nassauische Neue Presse, 07.11.2011, Rolf Kahl

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