Der Chor wächst als Mannschaft zusammen


Bild zur Meldung: Eberhard Biebricher übt mit seinem Chor Laudate aus Oberneisen in einem Klassenzimmer in der Nickenicher Grundschule für den Chorwettbewerb in der Kirche. Fotos: Yvonne Stock



Die Spannung im Klassenzimmer ist fast mit den Händen zu greifen. Daran ändert auch das tiefe Durchatmen nichts, zu dem Chorleiter Eberhard Biebricher seine 20 Sänger auffordert. Um 13 Uhr hat der gemischte Chor Laudate aus Oberneisen an der Landesgrenze zu Hessen seinen großen Auftritt beim sakralen Chorwettbewerb in der Nickenicher Kirche.

„So wie ein Trainer seine Fußballmannschaft einstellt und sie auf den Punkt fit macht, muss ich das mit meinem Chor auch machen“, erzählt Biebricher. Das ist einfacher gesagt als getan, wenn eine Sängerin von Hustenanfällen geplagt ist, eine noch nicht in Nickenich angekommen ist und beim Rest die Nerven flattern. Der Chorleiter übt dennoch die drei Stücke, auf die es gleich ankommen wird. „Gebt die Spannung von oben auf den Ton mit großen Augen“, lautet seine Ansage.

 

Auch Tobias Eidt und Dennis Daum sind gespannt. Die Mitglieder des MGV Frohsinn Steinefrenz aus der Nähe von Montabaur haben ihren Auftritt bereits hinter sich, und die CD mit der Aufnahme davon ist fast fertig. Mitarbeiter des Niersteiner Tonstudios Schmitt brennen sie. „Wir nehmen immer wieder an Wettbewerben teil“, erzählt Daum. Im vergangenen Jahr sei es nicht so gut gelaufen, der Erfolg sei von vielen Faktoren wie der Tagesform und den Erwartungen der Jury abhängig. „Ich fahre hier schon hin, um zu gewinnen“, zeigt Eidt Ehrgeiz. Die drei Stücke hätten sie schließlich schon länger im Repertoire. Dem 30-Jährigen geht es neben dem Spaß am Singen um Gemeinschaft: „Mit den Männern an der Theke zu stehen macht auch immer Spaß“, sagt Eidt. Damit hat Thomas Fuchs, Sprecher des Männerchores Nickenich, bereits früh am Morgen seine Erfahrung gemacht: „Drei Sänger kamen vor ihrem Auftritt an die Theke und wollten drei Bier und drei Schnaps haben“, erzählt Fuchs grinsend.

 

500 Einladungen habe die Chorgemeinschaft Nickenich für den Wettbewerb anlässlich des 110-jährigen Bestehens des Männerchores verschickt, 20 Chöre mit knapp 700 Sängern treten an. Die Nickenicher dürfen als Ausrichter nicht teilnehmen. „Die Wettbewerbe werden immer kleiner“, so Fuchs. „Die alten Männerchöre sterben aus.“ Und in vielen neuen Chören gehe es lediglich um den Spaß an der Musik – abseits vom Leistungsdruck.

Karl-Heinz Fend mag den Druck. Das Mitglied des MGV Concordia Girod bei Montabaur hat bereits an mindestens 50 Wettbewerben teilgenommen. Meistens mit Erfolg, der Verein habe eine Vitrine voller Pokale im Probenraum, erzählt er. In Nickenich musste der Chor aus Girod als erster singen, das habe Vor- und Nachteile, so Fend: „Auf der einen Seite müssen sich die Wertungsrichter erst einmal reinhören, auf der anderen Seite legt man die Marschroute fest, wenn man gut singt.“ Fend hört in seinen Auftritt rein und kritisiert: „Für den Gesang ist die Kirche nicht gut, weil er sich so überschlägt.“ Das sieht Daum vom MGV Frohsinn anders: „Die Akustik in der Kirche ist extrem gut.“

 

Befreit von der Anspannung, die allen Sängern zufolge wichtig für eine gute Leistung ist, haben Fend, Daum und Eidt jetzt Zeit zum Mittagessen auf dem Schulhof. Unter anderem warten 600 Würstchen und 200 Steaks auf die Sänger. Neben dem Grill bekommt gerade jemand ein – natürlich hochprofessionelles – Geburtstagsständchen. Die über 100 erwachsenen Sänger der Chorgemeinschaft Nickenich wuseln in ihren hellblauen Polo-Shirts als Helfer über den Schulhof. Einer von ihnen ist Friedel Brust, der den Teilnehmern die Organisation erklärt und sie rumführt. Klaus Degreif von der Kleinen Harmonie Oppenheim nimmt das Angebot dankbar an, obwohl er bereits 2010 zum Meisterchorsingen in Nickenich war. „Den Titel als Meisterchor wollen wir nächstes Jahr auffrischen“, erzählt Degreif. Für ihn ist Nickenich ein Etappenziel.

Für den Laudate-Chef Biebricher ist der Weg das Ziel: „Der Chor wächst als Mannschaft zusammen, ganz egal, wie das hier ausgeht.“ Es reicht am Ende in seiner Klasse für Bronze, die Chöre Frohsinn, Concordia und Kleine Harmonie fahren jeweils mit Silber nach Hause.

 

Quelle: Rhein-Zeitung vom Mittwoch, 21. Mai 2014, Yvonne Stock

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