Aar-Einrich: Der Fronhof eines reichen Mannes


Bild zur Meldung: Die Rundkirche in Oberneisen: von innen wie außen ein außergewöhnliches Bauwerk.© NN



Die Aargemeinde besitzt mit Rundkirche und Burg gleich zwei Wahrzeichen

 

Oberneisen -Die "Dom des Aartals" genannte Kirche in Oberneisen ist - soweit bekannt - die einzige Rundkirche nördlich der Alpen, in der sich der Altar in der Mitte des Raums befindet. Wahrlich eine Besonderheit, die viele Touristen zu einem Besuch in die Kirche lockt. Doch das Gotteshaus, über 200 Jahre alt, ist auch rein äußerlich ein "Hingucker", der nicht der üblichen Bauweise von Kirchen der heimischen Region entspricht. Angeblich ist der "Oberneisener Dom" eines der am meisten fotografierten Objekte im unteren Aartal.

 

Nun steht da hoch über der Gemeinde nicht nur eine imposante Kirche. Gerade mal einen Steinwurf weit unterhalb ragt ein mächtiges Mauerwerk in die Höhe, das ebenfalls ein Wahrzeichen für Oberneisen darstellt und dessen 730-Jahrfeier die Gemeinde vor vier Jahren begehen konnte. Ein Blick in die Geschichte soll die Möglichkeit geben, mehr über die Überlieferungen der "Oberneiser Burg" zu erfahren.

Sie steht auf einem Porphyrfelsen und ist wohl der älteste Zeuge der früheren Siedlung "Nesen", welche schon in einer Schenkungsurkunde Karls des Großen aus dem Jahre 790 erwähnt wird. In dieser Schenkungsurkunde übereignete Karl der Große, bedeutendster Herrscher des Abendlandes, durch Gottes Gnade König der Franken und Langobarden und zugleich Schutzherr, später, ab 800 nach Christus, auch Kaiser der Römer, dem Kloster Prüm in der Eifel Besitztümer im Lahn-, Einrich- und Engersgau. Ein Blick in das Goldene Buch (Urkundenkopiar) von Prüm belegt, dass auch Nasongae (Ober- und Niedereisen) dazugehörte.

 

Rest eines Wirtschaftsgebäudes

Das Gemäuer hat nicht zu einer Burg im heutigen Sinne gehört, sondern sie ist der Rest eines großen Wirtschaftsgebäudes oder Fronhofes eines freien, reichen Mannes, eines so genannten Vogtes. Man weiß aus alten Aufzeichnungen, dass diese Befestigungsanlage in den Kämpfen der Vögte von "Nesen" und "Larheim" mit dem Albanstift zu Mainz in den Jahren 1253 bis 1288 zum großen Teil zerstört und anschließend wiederaufgebaut worden sind.

 

Oberneisen hat in Kriegszeiten viel gelitten, weil es an einer Durchgangsstraße lag. Im 30-jährigen Krieg wurde die Aargemeinde vollständig zerstört. Es ist anzunehmen, dass auch die Burg in dieser Zeit der Zerstörung anheimfiel. Die hohe Burgwand erinnert daran, dass früher hier einmal eine mächtige Burg stand. Ältere Leute erzählen noch, dass die Wand früher viel höher gewesen sei. Aber, um einen Einsturz zu verhindern, sei sie abgetragen worden. Die Burg selbst wurde 1288 wahrscheinlich von den Adligen von Nesen erbaut. An der Wetterseite stand das Junkerhaus. Es gehörte zur Burg und stand noch höher. Hier saßen die Wächter, denn von da aus hatte man eine weite Sicht in das obere und untere Aartal, nach dem Einrich, dem Taunus und dem Westerwald.

Heute sind die Reste dieses Gebäudes in der sogenannten Jungfernmauer zu sehen. Hierhin sollen die Jungfrauen des Dorfes in Notzeiten geflüchtet sein. Der Sage nach wurden Junkerhaus, Burg und Kirche durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Bei Bauarbeiten will man auf solche gestoßen sein.

 

Die Ahnen vieler Könige

Bei der "Geburtstagsfeier" der Burg im Jahre 2018 hätte Ortsbürgermeister Peter Pelk neben den "üblichen" Ehrengästen wie Landesminister, Landrat und Pfarrer noch weitaus illustrere Gäste in Oberneisen begrüßen können. Schließlich gibt es doch direkte Verbindungen von der Aar zum europäischen Hochadel und zu den Königshäusern. Nachzuweisen sind von den früheren Bewohnern der Burg Oberneisen Nachkommen, deren Zweige in die Königshäuser von England, Spanien, Belgien, Liechtenstein, Luxemburg und den Niederlanden reichen.

Das wäre schon der Clou gewesen, wenn Kronprinz Felipe oder Prinzessin Letizia von Spanien oder gar Prinz William von Großbritannien, gemeinsam mit dem Kreisbeigeordneten Helmut Klöckner, dem in Oberneisen lebenden Landrat Frank Puchtler und dem Staatsminister Dr. Carsten Kühl den leckeren Kuchen und die sonstigen kulinarischen Köstlichkeiten verspeist hätten.

Viele Jahre kümmerten sich die Oberneisener gerade mal leidlich um das geschichtsträchtige Bauwerk. Im Jahre 2009 setzten sie die Burgmauer jedoch ins rechte Licht. Im Rahmen einer Einweihungsfeier wurde die rundsanierte Burgmauer und der ausgestaltete Burgvorplatz, erstmals mittels im Boden versenkten Scheinwerfer illuminiert und sie strahlte mit der nur wenige Meter entfernten Rundkirche um die Wette.

 

Neben der durch ein Fachunternehmen mit höchster Qualität und Sorgfalt durchgeführten Sanierung des Gemäuers, investierten die Bürger des Ortes fast 400 Stunden ehrenamtlich geleistete Arbeit, um den bisher sehr trist aussehenden Vorplatz und das weitere Umfeld der ehemaligen Burg in einen ansehnlichen Zustand zu versetzen. Im Rahmen der Dorfgestaltung hatte sich ein Arbeitskreis daran gemacht, Ideen und Vorstellungen zu sammeln und letztlich auch in die Praxis umzusetzen. Rund 11 000 Euro investierte die Gemeinde in die Ausgestaltung. Das Gelände um die Burgmauer wurde verkehrssicher gemacht, es wurde großflächig Schotterrasen eingesetzt und der Neuanlage der Straße und des Treppenaufgangs zur Burg folgte noch das Aufstellen einer Info-Tafel für Touristen.

Seit dem Jahre 2010 feiern die Bürger von Oberneisen nun ein "Burgfest", und es ist ihnen im Schatten des Gemäuers im Grunde egal, ob es eine Burg oder nur eine Mauer ist.

 

Quelle: https://www.fnp.de/, Autor Rolf-Peter Kahl

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